ROSIA, RUMÄNIEN I, 2008

Ansichten aus dem UnterdorfDas Rumänien-Projekt 2008:

 

Künstlerische Arbeit mit Roma-Kindern

Vom 4.-18.10.08 ist eine Gruppe von Malerei-Studenten der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft unter der Leitung von Ulrika Eller-Rüter (Fachgebiet Malerei) und Friedemann Geisler (Gastdozent Musik) nach Rosia in ein kleines Dorf im Herzen von Siebenbürgen gereist. Dort leben im sogenannten Unterdorf ca. 1000 sesshaft gewordene Roma-Familien, für deren Kinder 1998 eine Waldorfschule gegründet wurde. Die SchülerInnen stammen in der Regel aus kinderreichen Familien ohne festes Einkommen, sie sind chronisch unterernährt und leben dicht gedrängt in einfachsten Behausungen (Einraumhäusern).

Auf Wunsch der Gastgeber sollten alle Schüler der Schule in das Projekt einbezogen werden. Die Studierenden bildeten verschiedene Kursleiterteams, den Dozenten oblag die künstlerische Gesamtleitung (Musik F. Geisler, Gesamtkoordination U. Eller-Rüter). So fanden folgende Aktivitäten mit den Kindern und Jugendlichen statt:

 

  1. eine interaktive und kulturübergreifende musikalische Arbeit mit allen Beteiligten, um „Begegnungsräume“ zu schaffen.
  2. Wandmalerei in der Kantine und in den Fluren (mit Klasse 9 und 10)
  3. Mosaikgestaltung im Treppenhausbereich (mit Klasse 8 und 5)
  4. Bedrucken von Postkarten mit Linolschnitten, die in Europa zugunsten der Jugendförderung der Roma verkauft werden sollen (Klasse 6 und 7)
  5. Malerei auf kleinen selbst hergestellten Leinwänden, die zu größeren Gesamtkompositionen zusammengenäht wurden (Klasse 1-3)
  6. Impro-Theater mit Anfertigung von Masken (sämtliche Altersstufen)

 

 

Öffentliche Präsentation

Die Ergebnisse wurden in der Schule vor den Dorfbewohnern und im Bürgermeisteramt von Rosia gezeigt. Parallel zu ihrer Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen haben die Studierenden ihre Erlebnisse in eigenen Werken festgehalten, die in der Galerie „xfuture“ und im Art Café in Sibiu/Hermannstadt, der Kulturhauptstadt Europas 2007, präsentiert wurden. Eine weitere Ausstellung ist in NRW geplant. Für 2008 hat Liviana Dan, die Kuratorin des Brukenthal-Museums, sämtliche Künstler zu einer weiteren Ausstellung nach Sibiu/Hermannstadt eingeladen.

Live –Eindrücke (aus Dozentensicht)

 

„Ajau, ma muna djoe….“, wo man in den ersten Oktoberwochen in Rosia auch vorbeikam, im Unterdorf, in der Waldorfschule bei der Mosaikgruppe, bei den Wandmalern… immer wieder war der afrikanische Song zu hören, den Friedemann Geisler in den täglichen Versammlungsrunden der ersten Arbeitswoche mit der ganzen Schulgemeinschaft eingeübt hatte. In Rosia lag tatsächlich etwas Neues in der Luft!

Die Kinder und Jugendlichen, die in ärmlichsten Verhältnissen aufwachsen, mit ihren Großfamilien in von dickem Matsch umgebenen Ein-oder Zweiraumhäusern leben und kaum ein geregeltes Leben kennen, nahmen Studierende und Dozenten mit offenen Armen auf und ließen sich mit Begeisterung auf das Experiment Kunst, auf die Musik und die Kunstprojekte ein.

Man konnte sich den stürmischen Umarmungen kaum entziehen, wurde von Kinderhänden hier- und dorthin gezogen und stolz in die kleinen, außen oft sehr baufälligen, innen aber meist säuberlich aufgeräumten Behausungen eingeladen. Die Jugendlichen und Kinder freuten sich einfach über unser Interesse.

Am ersten Tag gab es aber gleich eine Ernüchterung: musikalische und gestalterische Grundlagen waren sogar bei den älteren Schülern kaum zu entdecken. Also mussten einfache Übungen her, um die kreativen Quellen der Kinder und Jugendlichen behutsam zu erschließen. Auf der anderen Seite hatte gerade der Jungentrupp aus Klasse 8 eine bewundernswerte Power als es darum ging, Fliesen zu passenden Mosaiksteinen zu zerschlagen.
Das Engagement der Schüler zeigte sich auch darin, dass auch außerhalb der Schulzeit Freiwillige zum Arbeiten auftauchten.
Eine besondere Beobachtung machte ich bei meiner „Hand“- Aktion. In Bienenwachs, das die Kinder und Jugendlichen mit ihrer Körperwärme weich kneten sollten, wollte ich die Handinnenflächen als hauchdünne Berührungshäute einprägen. Wie kalt waren die meisten Schülerhände, sie wurden zum Teil nur mit Mühe warm!

Dass es gelungen ist, die Kinder und Jugendlichen trotz ihrer Hemmnisse und Schwierigkeiten zu einer gezielten künstlerischen Arbeit zu motivieren und ihnen einen Gestaltungsfreiraum zu geben, kann man wohl am besten an den Ergebnissen ablesen:

dem „Konzert“ in der ersten Woche, in welchem die gründlich geübten Kanons auf einmal wirklich vielstimmig klangen, den großflächigen und farbenprächtigen Mosaiken, der detailgenauen, bilderbuchartigen Wandmalerei, der großen Kollektion von ausgefeilten Drucken im Postkartenformat, den leuchtenden Farbteppichen, die das Bürgermeisteramt zur Freude der Mütter aus dem Unterdorf schmücken und schließlich den umjubelten und vielsagenden Improvisationen der bunt geschmückten Theatergruppe.

Entscheidend war bei allem die hoch motivierte Arbeit fast aller Studierenden, die sich liebevoll auf die Kinder und Jugendlichen einließen und bis zur Grippe-Grenze ihre ganze Energie gaben, um gemeinsam mit den Schülern Kunst im sozialen Brennpunkt entstehen zu lassen. Der grandiose Einsatz der Studierenden ist wesentlich für das Gelingen des gesamten Projektes gewesen.

Jetzt kann man sehr gespannt sein, was sich durch die Begegnungen in Rumänien für Entwicklungen ergeben werden. Die freien künstlerischen Arbeiten der Studierenden, die parallel zu den Projekten mit den Kindern und Jugendlichen entstanden und zur Zeit an zwei Orten in Sibiu/Hermannstadt öffentlich gezeigt werden (Galerie xfuture, Art Café), markieren skizzenhaft erste Anhaltspunkte dafür. Kunst im sozialen Brennpunkt fortzusetzen, Kunst neu zu denken, ist nicht nur der explizite Wunsch der Mehrzahl der Studierenden. Es liegt wohl auch in Alfter etwas in der Luft: „Ajau, ma muna djoe…“.

Das Projekt wird durch das Eu-Programm Comenius gefördert.

Weiter Informationen finden sich unter www.kunst-in-schulen.eu